IN SERIEN. Der Talk

Zur Eröffnung der Ausstellung IN SERIEN Light. Form. Material. im MAK unterhielten sich Prof. Markus Frenzl, langjähriger Freund von serien.lighting, mit den beiden Gründern über Wegmarken und Werte, die Entwicklung und die Zukunft des Unternehmens.

Markus Frenzl: Ich freue mich sehr, dass serien mich gebeten hat, diesen Talk heute Abend zu führen und dabei auch ein bisschen was vorzulesen. Mein Name ist Markus Frenzl. Ich bin Professor für Design und Medientheorie in München und wahrscheinlich ist es gar nicht nötig, aber ich möchte Ihnen sehr gerne auch die beiden Gründer von serien.lighting vorstellen: Manfred Wolf und Jean-Marc da Costa. 

Ich bin über viele Textprojekte, die wir miteinander gemacht haben, schon seit Langem mit serien verbandelt und auch befreundet. Mein erster indirekter Kontakt mit serien war aber tatsächlich schon 1991, als ich mein Designstudium an der HfG Offenbach begonnen habe. Damals wart ihr nämlich schon da, und zwar in Form der REFLEX-Leuchten, die im Treppenhaus der HfG hängen, aber auch als Vorbilder: Sowas kann man also machen, wenn man Design studiert? Und noch viel überraschender: Man kann als Designerin oder Designer selbst eine Firma gründen und die eigenen Entwürfe herstellen. So ein Unternehmen würde man heute Start-up nennen. Damals war es eine kleine Sensation.

Zum Einstieg möchte ich einen Ausschnitt aus einem Text lesen, den ich ein paar Jahre später zum 25-jährigen serien-Jubiläum geschrieben habe und der, wie ich finde, immer noch Gültigkeit hat: „Schlichte architektonische Leuchten, montiert aus einfachen Halbzeugen, die Verbindungen offen sichtbar, bestückt mit dem damals neuen Halogenlicht und den ersten kompakten Leuchtstofflampen. Am Anfang der Erfolgsgeschichte von serien.lighting steht die Idee von der minimalen Form mit der maximalen Lichtwirkung. Als Manfred Wolf und Jean-Marc da Costa während des Designstudiums an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung mit dieser Idee ihre Firma gründen, ist das ein mutiger Schritt. Würde sich eine kleine idealistische Firma aus dem südhessischen gegenüber der Marktmacht der großen italienischen Leuchtenschmieden behaupten können? Und würden Händler und Kunden Designanspruch und Verarbeitungsqualität überhaupt zu schätzen wissen? Heute ist serien.lighting eine feste Größe im Bereich designorientierter, technisch anspruchsvoller Leuchten und fungiert immer wieder als Impulsgeber fürs zeitgenössische Leuchtendesign. Die Erfolgsgeschichte des Unternehmens beginnt mit LIFT, REFLEX, QUADRAT oder STATUS, die Wolf und da Costa schon in der Hochschule entworfen hatten. Die Entwürfe, 1985 in Köln präsentiert, überzeugen das Fachpublikum und sind schon ein halbes Jahr später bei mehr als 30 Händlern erhältlich. Allesamt technisch funktionale, aber gleichzeitig elegante und präzise ausformulierte Leuchten. Jede einzelne das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit Gestaltung, Technologie und Licht. Das sollte auch für alle Leuchtenentwürfe gelten, mit denen serien.lighting in den darauffolgenden Jahren für Aufsehen sorgt. Das Leuchtenprogramm SML etwa wird als minimalistisch präzises Baukastensystem zum Liebling der Architekten. TAKE FIVE von Ginbande und ZOOM von Floyd Paxton nutzen das Scherengitterprinzip für überraschende Lösungen zum Thema Verstellbarkeit. Bimetall lässt bei POPPY den Schirm durch die Wärme des Leuchtmittels aufgehen und ELANE von Jakob Timpe zeichnet mit ihrem technisch ausgeklügelten Leuchtenarm eine fast schon akrobatisch formvollendete Linie in den Raum. Es gehört zur Unternehmensphilosophie, Neuentwicklungen erst dann vorzustellen, wenn sie formal, technisch und konstruktiv ausgereift sind, und nicht dann, wenn ein Messetermin nach Neuheiten verlangt. Ein Produkt von serien.lighting will keine Trends bedienen, sondern zum eigenständigen Statement werden, das über Jahrzehnte Bestand hat. Da kann die Entwicklung einer Leuchte von der Idee bis zur Marktreife, andernorts eine Sache von einem Jahr, schon mal zu einem mehrjährigen Prozess des Entwerfens, Verwerfens und Weiterentwickelns werden. Hier wird an der Form des Lichts gefeilt, bis die perfekte Lichtwirkung entwickelt, eine eigenständige zeitgenössische Ausdrucksform gefunden und eine filigrane technische Konstruktion ausgetüftelt ist, zu der nichts hinzugefügt und von der nichts weggenommen werden kann.“

Manfred, ihr wart an der HfG Offenbach nicht im gleichen Semester. Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?

 

Manfred Wolf: Es war üblich, dass man die Semesterarbeiten auf dem Flur präsentiert hat. In den Gängen gab es dafür Vitrinen und da ist man sich dann auch begegnet. Jean-Marc war ein Jahr weiter als ich, schon in einem höheren Semester, und hatte damals eine Leuchte gemacht, die STATUS, die mir aufgefallen ist. Ich habe zu dem Zeitpunkt auch an ein oder zwei Leuchten gebastelt, darüber sind wir dann ins Gespräch gekommen und haben gesehen, dass wir ähnliche Interessen hatten. So sind wir am Ende in der Werkstatt meines Vaters gelandet, in dem Betrieb, der Metallwaren für die Offenbacher Lederwarenindustrie hergestellt hat. Das war unser erstes Begegnen. Es gab da auch noch andere Leute, zum Beispiel den Spanier Carlos Castellanos, der hat auch eine Leuchte gemacht. Aber zwischen uns hat sich irgendwie eine Chemie ergeben, die gut funktioniert hat.

MF: Aber richtig kennengelernt habt ihr euch im „Größenwahn“, habt ihr erzählt?

 

Jean-Marc da Costa: Ja, das ist mir so im Gedächtnis geblieben, dass die Nähe miteinander, also auch zur Person, nicht nur über das Fachliche, tatsächlich im „Größenwahn“, ein Lokal hier in Frankfurt, entstanden ist. Wir sind dann auch nicht mehr täglich in die Hochschule gefahren, sondern haben vor allem die Betriebsräume bei der Firma Reinhold Wolf genutzt und da in den Werkstätten gewerkelt und die Metallverarbeitung kennengelernt. Das war für mich komplett neu. Das sieht man später auch an den Entwürfen: STATUS ist viel flächiger, viel abstrakter oder minimalistischer. Die Entwürfe, die danach entstanden, auch von mir, zeigen dann sehr stark den Einfluss aus dieser dort vorgelebten Metallverarbeitungsästhetik, auch beim VENTILATOR, der ungefähr zeitgleich mit der STATUS-Stehleuchte entstanden ist. Ich sehe das immer als Parallele: Eigentlich war der VENTILATOR von Manfred Vorbild für meinen LIFT-Entwurf, also wie man mit Rundstäben und Metallteilen umgeht.  

 

MW: Also typisches Halbzeug-Design.

 

MF: Jean-Marc, du hast die Gründung eines Unternehmens sogar zum Thema deiner Diplomarbeit an der HfG Offenbach gemacht, die war aber nicht sehr erfolgreich.

 

JMDC: Ja, kann man sagen. Ich glaube, das lag einfach daran, dass die Schulleitung es nicht gerne gesehen hat, dass man zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt – also ein Diplom abhaken kann und gleichzeitig schon die ersten Schritte für das Entstehen einer Firma macht. Die Hochschule ist eher dafür gedacht, frei zu arbeiten, frei zu gestalten und nicht gleich in die Praxis zu gehen. Zumindest in der damaligen Zeit. Heutzutage sieht es ja ganz anders aus in den Hochschulen. Da unterstützt die Hochschule normalerweise sogar den Praxisbezug. Ich denke, das war die Ursache dafür, dass mein vorgestelltes Konzept bei der Diplomarbeit nicht so toll bewertet wurde, ich glaube mit einem Notendurchschnitt von 3,3 oder sowas.

 

MW: Fast durchgefallen.

 

JMDC: Fast durchgefallen, so ungefähr, wieso auch immer. Das war für mich jedenfalls die Begründung. Ich hatte mein Diplom ja dann in der Hand und es konnte weitergehen.

 

MW: Dein Diplom wollte auch niemand jemals nochmal sehen.

 

JMDC: Aber uns wollten sie dann schon sehen. Fünf Jahre später wurden wir eingeladen, so als erfolgreiche Designer, kommt doch mal in die Hochschule und stellt da mal was vor.

 

MF: Aber die HfG hat euch schon geprägt? Wir hatten darüber gesprochen, wie die HfG uns alle geprägt hat.

 

JMDC: Ja, unbedingt, ich wollte da niemanden oder auch die ganze Schule nicht schlecht machen. Dieter Mankau war mein Professor, Richard Fischer war Manfreds Professor. Ich glaube, beide haben uns jeweils sehr stark geprägt. Ich habe diese lange Leine, die Dieter Mankau gelassen hat, immer sehr wertgeschätzt. Er hat uns unheimlich viel Freiraum gelassen, und wenn da was war, dann hat er an den richtigen Stellen gepikst und daraus hat man viel lernen können, wenn man selbst motiviert war. Manfred, du hast auch so eine schöne Geschichte vom Richard Fischer mit der Anzeichenfunktion.

 

MW: Ja, eine Anzeichenfunktion ist, wenn man sagen wir mal eine Flasche in der Hand hat und oben an der Riffelung sieht, dass man drehen und nicht ziehen muss. Das ist das Anzeichen, ein Zeichen dafür, dass man drehen muss. Wir sollten dann Beispiele für schlechte Anzeichenfunktionen mitbringen und ich hatte einen Braun-Rasierer von meiner Mutter dabei, so einen gelben, der war oben ganz glatt. Da hat man immer aus Versehen den Scherkopf abgedreht, weil man da hätte ziehen müssen. Und das Design war von Herrn Fischer. Das war sehr witzig.

MF: Wir verlassen jetzt die HfG Offenbach und kommen zu dem Ort, den ihr schon erwähnt habt, den Ort, wo ihr serien gegründet habt und an dem ihr heute, 40 Jahre später, noch immer seid: die Reinhold Wolf KG, die Firma von Vater Wolf in Rodgau-Weiskirchen, eine Firma, die Werkzeuge für die lederverarbeitende Industrie hergestellt hat.

 

MW: Nein, Damenhandtaschenbügel und Beschläge für die Lederwarenindustrie, also Metallverarbeitung, kein Werkzeug. Wir hatten einen eigenen Werkzeugbau, weil man dafür Werkzeuge machen musste, aber das war der Betrieb, den hat mein Großvater bereits gegründet, er hat auch das Gebäude gebaut.

 

MF: Die 1980er-Jahre waren sehr stark geprägt vom Hightech-Look, also von dieser Ästhetik des technischen, industriellen und eben auch seriellen. Natürlich hat euch dieser Ort und dieser Kontext der Zeit, Materialität, Feinmechanik etc. sehr geprägt und auch die Entwürfe sehr stark beeinflusst.

 

MW: Ja, die Entwürfe entstehen immer aus dem Material, was man sieht, wenn man weiß, wie man es verarbeiten kann, oder auch aus der Technologie der Leuchten. Das ist auch im Rückblick sehr schön zu sehen. In den 40 Jahren hat sich die Lichttechnik sehr stark verändert, was immer wieder neue Entwurfsmöglichkeiten bringt.

 

JMDC: Da kommen wir später auch nochmal drauf zu sprechen mit SML, mit REFLEX etc.

 

MW: Wir hatten zum Beispiel eine eigene Galvanik, da konnte man vernickeln, das heißt unsere Leuchten waren alle vernickelt. Messing wollten wir nicht, verchromen konnten wir nicht, es gab kein Chrom-Bad, deswegen sind die vernickelt und damit auch patinafähig.

 

JMDC: Manfred ist ja quasi dort aufgewachsen und hat das von Kindesbeinen an alles kennengelernt, also auch hautnah.

 

MW: Ich war der Sklave meines Vaters.

 

JMDC: Du warst richtig gefordert, auch mitzuproduzieren und so weiter, im Guten wie im Schlechten dann am Ende. Und ich war fasziniert von dem, was man mit diesen Exzenterpressen machen konnte, in die man diese Werkzeuge einsetzt, die man für ein ganz bestimmtes Teil gefertigt hat. Allein die Akustik, dieses Brummen und so …

 

MW: Man hat dann plötzlich hundert gleiche Teile in der Hand, schon faszinierend.

 

JMDC: Serie halt.

 

MW: Deswegen auch der Name. Wir wollten die Sachen in Serie machen, deswegen haben wir uns auch für so einen quasi nüchternen Begriff entschieden.

 

JMDC: Bewusst anders als das, was damals in Mode war, eher so wohlklingende italienische Namen.

 

MW: Oder das neue deutsche Design, was im Wesentlichen aus Unikaten bestand.

 

MF: Wir schauen uns jetzt ein paar der wichtigsten und erfolgreichsten serien-Leuchten ein bisschen genauer an und beginnen mit euren frühen Entwürfen der 1980er-Jahre, mit denen ihr dann auch zum ersten Mal auf Messen gegangen seid. Was war, Jean-Marc, die verbindende Idee dieser ersten, dieser frühen Entwürfe?

 

JMDC: Also STATUS ist noch völlig frei von diesem Einfluss aus der Wolfschen Ecke, sage ich mal, oder aus der Metallverarbeitung.

 

MW: Das kam über deinen Vater, oder? Dein Vater war ja Architekt, das war so ein bisschen Architektur, oder?

 

JMDC: In dem Fall gar nicht mal so sehr, vielleicht später bei REFLEX, aber das war eher so der Einfluss der damaligen italienischen Klassiker.

  

MW: Deswegen der Granitsockel?

 

JMDC: Ja, genau, der schwarze Marmor. Das war ganz klar, ich habe zu dem Zeitpunkt auch schon die Euroluce besucht, die Magazine geblättert und kannte mich in dieser Welt aus und habe das in meinem Gestaltungskopf eben in diese Form übersetzt. Also sehr, sehr minimalistisch und auch sehr einfach zu produzieren. Das hat dann schon gut in diese Metallverarbeitung gepasst, aber komplett anders als die darauffolgenden Entwürfe wie LIFT oder …

 

MF: … oder der VENTILATOR zum Beispiel.

 

JMDC: Der VENTILATOR ist ja komplett von Manfred und zeitgleich mit STATUS. Da sieht man die zwei sehr unterschiedlichen Welten. Es ist letztlich schon so, wie Manfred sagte. Ich habe immer gerne mit Lego gespielt. Man hat bestimmte Bausteine und kann daraus etwas Tolles machen oder irgendwie auch was Langweiliges. Und diese Einschränkung – es ist ja eine gewisse Einschränkung, bestimmte Materialien, bestimmte Maße etc. einsetzen zu können – ist auch eine Herausforderung. Und das hat uns beiden, glaube ich, Spaß gemacht, mit dieser Einschränkung gut zu gestalten. Das kann man dann so machen wie bei der STATUS oder wie bei der QUADRAT, VENTILATOR oder LIFT. Die Mischung aus beiden sehe ich später zum Beispiel in der REFLEX.

MF: Manfred, magst du noch etwas zum VENTILATOR sagen?

 

MW: Ja, der erste Entwurf war so ein Mini-Motor. Ich wusste nicht, dass der das gar nicht antreiben kann. Bei vier Blättern musste der Motor viel größer werden. Dann hatten wir einen Motorhersteller und der hatte so hässliche Gehäuse. Das war halt rein praktisch. Ich habe die Gehäuseschalen dafür dann auch entworfen. Der ist komplett durchdesignt. Dieser offene Motor war ein ganz wichtiges Gestaltungsmerkmal und damals, wie du schon sagst, Hightech-Look. Das war so ein Ausdruck, der passt da natürlich wunderbar.

 

MF: Auch auf die QUADRAT aus dem Jahr 1982. Was war da die zentrale Entwurfsidee?

 

MW: Das war eine Semesterarbeit, die wir parallel gemacht haben. Jean-Marc hat an der LIFT gearbeitet und ich an der QUADRAT. In der Firma meines Vaters, in einer Werkstatt, haben wir parallel an diesen beiden Entwürfen gearbeitet. Wie man sieht, habe ich mich da auch schon wieder ein bisschen wegbewegt von der rein offenen Struktur, sondern auch wieder Flächen eingesetzt. Das Schöne daran ist, unten ist keine einzige Schraube drin. Das ist alles nur gesteckt und geklickt. Mein Vater hatte Maschinen, mit denen man Widerstandsschweißen konnte, das kennt man von Einkaufskörben und ist eine wunderbare Verbindung. Das funktioniert einfach über Strom, Kurzschluss, schweißt wunderbar, ist eine prima Verbindung, geht schnell, sieht sauber aus. Das ist ein Beispiel dafür. Dann gibt es noch vier Lötstellen, die man hartlöten musste. Das wurde in der Firma auch gemacht, da gab es so eine Vorrichtung.

 

JMDC: Da warst du ja der Spezialist, hast jahrelang jede Leuchte gelötet. Hunderte …

 

MW: Ja, Silberlot, ich habe bestimmt 20 Jahre lang LIFTs gelötet.

 

MF: An der LIFT von 1983 sieht man schön, dass ihr auch die Idee der Moderne, Funktion sichtbar zu machen, aufgegriffen habt. Die Mechanismen werden nicht versteckt, sondern offen gezeigt und werden zum Gestaltungselement einer extrem reduzierten, einer technisch industriell wirkenden Leuchte.

 

JMDC: Eine wesentliche Vorgehensweise war, neue Technologien aufzugreifen. Das war entweder die erste oder eine der ersten Leuchten, die diese sogenannten Kompaktleuchtstofflampen, Energiesparlampen, eingesetzt hat. Und der Schirm ist wie ein Mantel aus Metall, nicht aus Stoff, hautnah um die Form des Leuchtmittels herum gestaltet. Obwohl es lichttechnisch suboptimal ist, das so einzukasteln. Licht braucht eigentlich Entfaltungsmöglichkeit, Reflexionsmöglichkeit und so weiter. Und das war einfach nur gestaltet.

 

MW: Genau, das Licht hat uns nicht so interessiert zu dem Zeitpunkt.

 

JMDC: Ja, Licht war nicht das Thema, auch wenn wir geschrieben haben: Licht. Form. Material. Von Licht hatten wir keine Ahnung. Also das ist ein bisschen übertrieben. Wir hatten schon ein Gefühl für Licht, aber nicht wirklich das Verständnis.

 

MW: Wenn es um Lichttechnik geht, werden die Dinge halt sehr schnell sehr groß und nicht besonders ansehnlich. Da kommt trotzdem genug Licht raus, zweimal neun Watt.

 

MF: Heute mit LED fände man das wieder viel.

 

MW: Ja, mit Leuchtstoff reicht das auch.

 

JMDC: Dank dieser neuen Technologie in dem Fall. Und man braucht auch keinen Diffusor, weil diese Leuchtstofflampe sowieso sehr sanftes, weiches Licht macht.

 

MW: Die war aber natürlich verpönt zu dem Zeitpunkt.

 

JMDC: So wie LED am Anfang auch, das ist ja kalt und so weiter. Man konnte beide Leuchten, die QUADRAT und die LIFT, auch in der Ausstellung im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt sehen, sowohl im Einsatz – wir haben da in den letzten Ecken noch was gefunden – als auch zerlegt, also mehr oder weniger in ihre einzelnen Teile.

 

MF: Wir kommen zur REFLEX, die zum einen die Idee hat, dass die Leuchte ihre eigene Reflexionsfläche mitbringt …

 

JMDC: Das ist eigentlich die entscheidende Idee.

 

MF: … aber eben auch aus Halbzeugen gefertigt ist. Du hast erzählt, der Entwurf entstand vor dem Einschlafen?

 

JMDC: Entscheidender ist, wo die Inspiration herkam. Das war auch ein Besuch auf der Euroluce, damals ein Messestand der Firma Fontana Arte, die die Scintilla gezeigt hat. Die hatten diese Hochvolthalogenbirnen, die ein Wahnsinnslicht erzeugen und frei an die Decke gestrahlt haben. Ich war fasziniert davon, wie viel Licht da zurückkommt. Das in eine Leuchte reinzupacken, war der Ansatz – also eine Leuchte, die ihre eigene Reflektorfläche hat, das fand ich damals so faszinierend.

 

MW: Und weil wir wenig Geld hatten, sind wir von Mailand immer mit dem Auto an den Lago di Pusiano gefahren und haben dort gezeltet. Der Entwurf für die REFLEX ist nämlich im Zelt in Italien entstanden.

 

JMDC: Im Schlafsack. Und von der Formsprache war es wieder ein Rückgriff, also nicht das Feinmechanische, das hat da nicht gepasst, dieses detaillierte, additive, kleinteilige Teilchen-für-Teilchen-Design, sondern wieder mehr Körper durch Flächen erzeugen. Also zurück zu dem, wo ursprünglich meine Prägung war, wie bei STATUS. Deswegen spreche ich davon, dass das so ein Mix der beiden Gestaltungseinflüsse war.

 

MW: Die kam natürlich auch genau zur richtigen Zeit, weil sie so eine postmoderne Anmutung hatte, und das war damals der Trend schlechthin. Obwohl wir sie eigentlich nicht als wirklich postmodern sehen, weil das Dach eine Funktion hat, da ist ja das Leuchtmittel drin.

 

MF: Aber es hat natürlich so eine Formalästhetik.

 

JMDC: Und es lässt sich leichter umsetzen. Wer die Abkantbank kennt, mit der man knickt, weiß, dass das einfacher ist, als zum Beispiel eine Welle zu machen. Es hätte ja auch eine Welle sein können. Wäre vielleicht auch schön, aber es ist viel einfacher, das so umzusetzen, mit Halbzeugen und ohne Werkzeuge.

MF: Wir kommen zu TAKE FIVE, einem Entwurf von Ginbande von Uwe Fischer und Achim Heine – das Spiel mit dem Scherengitterprinzip. Man kann diese Leuchte mit den Linestra-Röhren an verschiedene Tischgrößen anpassen. Du hast erzählt, Manfred, der Entwurf war ursprünglich viel technischer.

 

MW: Der war sehr viel eckiger, ja. Aber es gab dann ein Problem, dass wenn man die Leuchte in eine Reihe stellte, die Röhren also alle parallel hintereinander standen, dann waren die oberen Teile leicht verschoben. Die waren etwas versetzt. Das geht technisch nicht anders, weil man das Scherengitter nicht übereinander kriegt. Und daraufhin, soweit ich mich erinnere, hat Uwe dann einen anderen Vorschlag gemacht und da kam dann diese amorphe Form bei raus, wo das viel besser war. Die Problematik war darüber gelöst. Das war für uns natürlich sehr ungewöhnlich. Das war damals auch ein großes Risiko, weil wir haben, glaube ich, für 100.000 Mark Kunststoffspritzguss-Werkzeuge herstellen lassen. Also sehr viel Geld. Und was da rauskam, war eine Katastrophe, weil das Ding irgendwie durchhing. Das war in sich verzogen. Wir haben dann noch sehr lange gebraucht. Wir mussten sogar Gewichte in die Mitte reinbauen, dass das halbwegs gerade hing, und auch die Abstände verändern, damit die Torsion rausging. Also das Projekt hätten wir beinahe in den Sand gesetzt.

 

JMDC: Große Herausforderung. Deswegen sagte ich ja, ein Riesensprung.

 

MW: Wir kannten uns mit der Technologie überhaupt nicht aus. Von Kunststoffspritzguss hatten wir keine Ahnung. Ich habe mich selbst gewundert. Ich habe, glaube ich, mal anfangs im Studium gesagt, vielleicht machen wir irgendwann Leuchten aus Kunststoffspritzguss. Das war total verpönt für mich, weil ich Metall gewöhnt war, Löten und nicht so was Billiges wie Plastik. Aber das hat natürlich eine tolle Ästhetik. Das kam aber von außen. Ich glaube, wir hätten das nicht gemacht. Das war Uwe Fischer und Ginbande.

 

JMDC: Ich weiß noch, wie wir immer argumentiert haben, wenn ich Kunden besucht und diesen Entwurf vorgestellt habe. Es hat auch zu der Zeit gepasst. Kartell und so weiter. Diese Kunststoffmöbel kamen ja auch schon so langsam. Ich habe davon gesprochen, dass es ein Entwurf ist, der Kunststoff salonfähig macht, weil er eine hohe gestalterische Qualität hat und nicht nur Plastik. Es war ja auch ein hochwertiger Kunststoff, transluzent, man konnte hinten in die Leuchte reinschauen. Und das, was die kann, nämlich eine kleine Fläche ausleuchten, mit den Linestra-Leuchten alle parallel, und diese dann zu einer Linie zu verwandeln und eine größere Strecke zu überbrücken, das war die Funktion. Und auch das Briefing am Anfang: Wir haben gesagt, mach doch mal eine Leuchte für ausziehbare Tische. Das war die Vorgabe.

 

MF: Das ist ein bisschen der Abend der Enthüllungen. Jetzt kommt noch eine und darauf freue ich mich schon die ganze Zeit: Die ZOOM von Floyd Paxton aus dem Jahr 2000. Sicher eines eurer bekanntesten und auch imposantesten Produkte. Die Presse schrieb damals von einem zeitgenössischen Kronleuchter. Und ich freue mich sehr, dass ich jetzt endlich mal etwas enthüllen darf: Ich habe 2007 den Auftrag bekommen, für die Messe Frankfurt Beiträge zum Thema Design und Identität zu schreiben, und ich habe eine Glosse über Floyd Paxton geschrieben, den Designer der ZOOM. Ich habe mich in dieser Glosse ein bisschen über den Hype um große Namen in der Designbranche lustig gemacht und um die Selbstinszenierung am Beispiel von Floyd Paxton, der nämlich sehr geheimnisvoll und pressescheu war und mit dem man keinen Termin bekommen hat. Ich habe die Selbstinszenierung und diese kritische oder unkritische Berichterstattung im Design in dieser Glosse ein bisschen aufgegriffen, aber das Geheimnis nicht gelüftet. Und habe damit meinen einzigen Artikel geschrieben, der jemals von einem Kunden abgelehnt wurde. Die Messe Frankfurt hat gesagt, da würde man nicht genug über Floyd Paxton und über die Biografie des Designers erfahren. Und ich freue mich, dass ich heute endlich erklären darf, warum das so war. Floyd Paxton ist Manfred Wolf. Manfred, warum?

 

MW: Ja, das war so wegen dem Scherengitter. Wir hatten ja schon ein Scherengitter. Und dann habe ich gesagt, Manfred Wolf, macht der jetzt auch ein Scherengitter und das ist jetzt rund? Nee, komm, zum Entwurf passt ein anderer Name, und so kamen wir zu Floyd Paxton. Paxtons Kristallpalast und Floyd fand ich einen schönen Vornamen, also Floyd Paxton. Das war dann auch alles gut, bis wir von der AD eine Anfrage hatten für ein Interview mit Foto. Da haben wir überlegt, was machen wir jetzt? Wir hatten damals einen ganz cleveren Mitarbeiter, Christoph Schmidt, der leider nicht mehr lebt, der hatte dann eine Idee. Also bin ich zu meiner Mutter rüber, die hatte da so eine Perücke liegen … die Perücke meiner Mutter, eine Skibrille und noch die Hand vor das Gesicht gehalten. Am Ende musste noch das Interview her, aber der Christoph Schmidt hatte eine E-Mail-Adresse in Holland und hat dann gesagt, das ist ein britischer Fotograf, der ist ganz schwer zu erreichen und wir können nur schriftliche Anfragen beantworten. Und das haben wir bislang immer ganz gut geheim gehalten.

 

MF: Du darfst jetzt auch gerne noch was zum Entwurf erzählen, da du ihn ja gemacht hast.

 

MW: Wir hatten ja schon eine Scherengitterleuchte, die TAKE FIVE, und ich konnte mich erinnern, dass meine Mutter mal so eine Art Geldbörse hatte. Ich habe später gehört, dass das ein russisches Produkt ist oder sowas. Die hatte das als Verschluss, ein Scherengitter, genau so. Die hatte einen kleinen Deckel oben, den man verschließen konnte.

 

JMDC: Ein Beutel.

 

MW: Genau, ein Beutel, den konnte man aufmachen, was reintun, wieder zumachen.

 

JMDC: Genau das Prinzip.

 

MW: Genau, ich glaube, ich habe das einmal bei meiner Mutter liegen sehen und dann irgendwann gedacht, da kann man auch eine Leuchte draus machen, ein Scherengitter in Rund, mit Federstahl etc., das war auch ein bisschen ein Experiment. Die hat auch einen sehr schönen Schwung, der übrigens nicht von mir ist. Der erste Prototyp war gerade und sah eigentlich nicht so schön aus. Aber wir hatten diesen Spanier, der hat immer von Curvitas gesprochen und dann gesagt, da muss ein Bogen rein. Das war Carlos Castellanos, der leider auch nicht mehr lebt. Der hat diesen Bogen beigesteuert.

MF: Die ANNEX von Uwe Fischer. Jean-Marc, du bezeichnest die immer als Vitrinenleuchte, diese Idee der Vitrine.

 

JMDC: Ich finde, das ist das Faszinierende an diesem Entwurf, dass das, was leuchtet, also die Leuchte als solche – oben der Baldachin, der die Technik beinhaltet, und unten der opale Schirm – auch so funktionieren würde. Und die ist quasi nochmal umhüllt durch ein mundgeblasenes Glas, was das Ganze zelebriert und so besonders macht, finde ich. Und deswegen spreche ich da immer vom Vitrinenprinzip. Ich habe dann auch immer wieder zu Uwe gesagt, entwickele dieses so tolle, überzeugende Prinzip doch mal weiter, mach noch weitere Entwürfe, etwas Moderneres vielleicht, weil die ja eigentlich aussieht wie aus den 1940er-Jahren. Aber dazu kam es dann erstmal nicht.

 

MW: Die hat auch einen Nachteil: Das Licht fällt durch das mundgeblasene Glas und ergibt dann Ringe, die aber unterschiedlich sind. Und auch mit der Reflexion an der Decke hatten wir ein ziemliches Problem. Wir haben dann zusammen eine Leuchte gemacht, CURLING, die unten offen ist. Das war mit ein Grund, aber auch die Kühlung für LED. Die ANNEX ist ja noch ein Halogenentwurf. Die Kühlung ist bei LED ganz wichtig, viel wichtiger als bei Glühlampen. Glaubt man zwar nicht, weil die so wenig Energie hat, aber die hat halt kaum Strahlungswärme, sondern Körperwärme und die muss abgeführt werden. Deswegen ist die CURLING unten offen und die ANNEX war unten geschlossen.

 

MF: Da sind wir schon beim Thema Halogen und LED. Wir machen hier mal in der Chronologie einen Sprung zurück zur SML, die vor allem im Architekturkontext sehr erfolgreich war und ein schönes Beispiel dafür ist, dass ihr beim Übergang von Halogen zu LED nicht einfach, wie viele andere Hersteller, neue Leuchtmittel reingemacht habt, sondern die Leuchten wirklich nochmal komplett neu entwickelt habt. Die LED-Version heißt SML².

 

JMDC: Die ursprüngliche Version, die Halogenversion, hat mich fasziniert, weil es bei mir immer noch eine Faszination für diese Hochleistungs-Halogenbrennstäbe gab. Und das Ding in eine minimale Dimension und Minimalgestaltung, also in eine ganz minimalistische Gestaltung zu packen, das war die Faszination von diesem Entwurf. Um es kurz zu fassen: Wir hatten damit viel Erfolg, wir haben Zigtausende im Jahr davon verkauft, über Zehntausende.

 

MW: Wir konnten die Nachfrage drei oder vier Jahre lang nicht befriedigen. Wir haben immer Auflagen definiert: Fangen wir mal mit 1.000 an – nee, reicht nicht. Wir machen 4.000 – nein, reicht nicht. Wir waren bei der Lieferung eigentlich immer hinten dran, lange Zeit, weil wir auf solche Stückzahlen nicht eingestellt waren.

 

JMDC: Und um jetzt den Sprung zur LED zu machen: Das war naheliegend. Wir haben die LED-Entwicklung lange beobachtet und gesehen, was da so passiert, manches okay, manches furchtbar. Die Qualität der Zubehörteile, die man dann als Leuchtenhersteller einkaufen konnte, war viele Jahre erstmal nicht zufriedenstellend. Und wir hatten gesagt, wir müssen abwarten, bis die richtigen Zutaten so weit sind, dass wir da ein richtig gutes Rezept draus machen können. Die Zeit verging dann. Wir haben also nicht sofort reagiert, haben nicht gesagt, wir springen auch auf diese LED-Technologie auf, sondern warten. Und dann haben wir zum richtigen Zeitpunkt, denke ich, mit der Umrüstung oder Um-Motorisierung eines erfolgreichen Modells begonnen. Du hast eben angesprochen, dass andere Leuchtenhersteller einfach nur ein sogenanntes Retrofit oder ein Substitut zum Reinschrauben in die E27-Fassung machen, aber das war da nicht möglich. Das hat so eine miniaturisierte Dimension, dass wir auch eine eigene LED-Platine entwickeln mussten etc. Und die ersten Prototypen waren relativ furchtbar. Die hatten wir auf der Messe schon dabei, aber in der Schublade. Wir hatten uns gar nicht getraut, die wirklich zu zeigen und haben dann einige Fachleute gefragt, was die davon halten. Das war ein langer Prozess. Bis zu dem Punkt, wo wir SML², sozusagen die zweite Generation in LED-Technik, soweit hatten, sind Jahre vergangen. Die war dann aber auch sehr erfolgreich und das Produkt verkauft sich bis heute. Ist vielleicht ein bisschen in die Jahre gekommen, weil diese Formsprache mit sichtbarer Schraube und additiven Teilen heutzutage vielleicht auch nicht mehr beliebt ist. Aber es gibt noch immer die absoluten Fans, und auch noch tausenderweise zum Glück.

 

MF: Ich bin auch Fan, ich habe die im Flur. Bei einer anderen Leuchte, der REFLEX², sieht man vielleicht noch stärker, was der Umstieg auf LED bedeutet hat. Das war quasi eine Weiterführung der REFLEX, aber mit LED, woraus dann ein ganz neuer Entwurf entstanden ist.

 

JMDC: Kann man sagen, ja. Aber dieser Entwurf greift auch das Grundprinzip einer Leuchte mit eigener Reflektorfläche auf. Warum die eigene Reflektorfläche so wichtig ist, kann ich kurz erklären: Man ist frei von dem Reflexionsgrad der Decke. Das heißt, wenn man eine holzvertäfelte Decke hat und diese Leuchte einsetzen möchte, kriegt man trotzdem nahezu gleich viel Licht nach unten. Das ist das Faszinierende dabei. Wenn die Leute auf diesen Entwurf schauen, denken sie, das Licht kommt von der Reflexionsfläche, weil sie nicht davon ausgehen, dass in dieser filigranen Struktur da unten irgendein Leuchtmittel ist. Aber es ist tatsächlich so, unten in dem quadratischen Rahmen, der nach oben offen ist, sind Hochleistungs-LEDs.

 

MW: Immerhin 50 Watt und die haben eine super Kühlung, weil es Aluminium ist. Also funktioniert sehr gut.

 

JMDC: Der ganze Körper kühlt quasi.

 

MW: Ja, deswegen muss es auch aus Aluminium gefertigt sein. Aus Zinkdruckguss würde es zum Beispiel nicht gehen, nicht genug Wärmeableitung.

 

JMDC: Das sind keine Halbzeuge mehr, sondern Aluminium-Druckgussteile. Da braucht man riesige Werkzeuge, wo die Teile dann sozusagen fertig rausfallen.

 

MW: Die machen wir nicht selbst.

 

MF: Das waren ein paar exemplarische Leuchten von euch. Lasst uns jetzt auf ein paar wichtige Momente oder Wegmarken von serien schauen. Wir gehen nochmal zu den Anfängen in die 1980er-Jahre zurück. Die „Disco Uno“ in Frankfurt – Club hieß damals Disco – war euer allererstes Projekt?

 

MW: Der erste Auftrag, ja.

 

MF: Der allererste Auftrag?

 

MW: Den Umsatz weiß ich jetzt noch: 8.000 D-Mark.

 

JMDC: Lächerlich, ja.

 

MW: Das war schon viel Geld, das war 1984. Der Architekt Andreas Keller hatte das entworfen und ist irgendwie auf uns gestoßen. Ich weiß gar nicht mehr, wie der zu uns kam. Aber wir haben das damals entworfen und uns witzigerweise für die Ausstellung im Museum Angewandte Kunst gefragt, wo diese Uno-Leuchte ist. Die wurde irgendwann mal abgerissen und in irgendeine Ecke geworfen und dann sahen diese roten Blenden so schäbig aus. Da habe ich dann gesagt, ich glaube, da liegt noch irgendwo eine Kiste. Und dann haben wir tatsächlich original verpackte, pulverbeschichtete Teile von 1984 ausgepackt und da frisch dran geschraubt. Bei uns wird nichts weggeworfen.

MF: Ihr habt 1985 dann schon bei Stoll in Köln präsentiert und 1987 auch in Köln zur Möbelmesse in einer Kölner Kneipe – ein mutiger Schritt, den ihr da in den 1980er-Jahren gemacht habt. 1988 hattet ihr eine erste Ausstellung im Institut für Neue Technische Form in Darmstadt und habt erzählt, dass ihr es auch immer toll fandet, für Synagogen oder andere Gotteshäuser zu arbeiten.

 

JMDC: Das hat sich vor allen Dingen durch die Bekanntschaft mit einem jüdischen Architekten ergeben. Die erste Synagoge war übrigens in Darmstadt. Das war nach dem Krieg die erste neu erbaute Synagoge in Darmstadt. Dafür hatten wir den Auftrag bekommen, die kompletten kultischen Gegenstände zu beleuchten …

 

MW: … in aller Regel Kronleuchter, Menora, Kaddisch, Jahrzeitlicht und so weiter.

 

JMDC: Daraus entstand dann eine ganze Folge. Dieser Architekt hatte Erfolg damit und das wiederholte sich. Das ist ja schon viele Jahre her. Er hat inzwischen sechs oder sieben Synagogen erbaut und wir haben die alle beleuchtet.

 

MF: Die Ausstellung „Flächendeckung“ 1990 im Frankfurter Karmeliterkloster war auch eine wichtige Wegmarke für euch, eine wichtige Ausstellung.

 

MW: Ja, erstmal eine tolle Location, im Kreuzgang des Karmeliterklosters ausstellen zu können. Wir haben uns da auch ziemlich viel Mühe gegeben. Die Schlange, in der die kleinen BIRDIEs leuchten, hat Jean-Marc gebaut und selbst Holz zusammengeleimt.

 

JMDC: Mit dem Praktikanten zusammen, ja.

 

MW: Mit Stephan Meyer zusammen war das.

 

MF: 1990 habt ihr die Sonderbeleuchtung für den Nazarener-Saal im Städel Museum gemacht.

 

JMDC: Ja, die hängen noch dort.

 

MF: 2005 fand eure Präsentation bei Stylepark in Residence in Köln statt und 2018 die Ausstattung des Bundeshauses in Bern, auch ein wichtiger Moment.

 

MW: Ja, die Schweizer haben hohe Ansprüche an die Leuchten. Die mussten patiniert werden und das Glas musste extra auf alt getrimmt werden, damit es zu diesem denkmalgeschützten Parlamentsgebäude passt.

 

JMDC: In dem Fall ist es eine Semi-Standardentwicklung. Die seriell hergestellte ANNEX in ein Vierer-Kronleuchterelement gewandelt.

 

MF: 2022 dann die bislang letzte Ausstellung auf der Light + Building …

 

JMDC: … erstmals auch ein komplett neuer Messestand. Wir hatten vorher immer so Festungen, sehr architektonisch, konventioneller Messebau, der dann anschließend auch komplett verschrottet wird. Also auch nicht mehr so zeitgemäß. Bei dieser letzten Messe in Frankfurt haben wir eine viel modernere, zeitgemäßere und filigranere Präsentation gemacht. Ich habe immer an Flohmarktstände gedacht. Das war die Idee oder das Konzept.

 

MW: Das haben wir auch für die Ausstellung im Museum Angewandte Kunst aufgegriffen.

 

JMDC: Ja, das wollte ich noch erwähnen. Ich war immer mit den Messen beschäftigt und für ein Museum hatten wir noch nie irgendwas gemacht. Für mich war das erstmal eine ganz neue Thematik. Und da hatte Manfred zum Glück einen so klaren Blick und die entscheidenden Inspirationen gegeben, aufbauend auf diesem System ein sehr klares, ich sage immer „sozialistisches System“ zu nutzen. Jede Leuchte bekommt die gleiche Grundfläche, nicht mehr und nicht weniger, und wird gleichwertig behandelt. Die erfolgreichen Modelle werden also nicht besonders hervorgehoben oder die schlechten irgendwie weniger, sondern alle gleich. Und das, fand ich, passt zur Architektur des Museum Angewandte Kunst, passt zu unserem Firmennamen, passt zum Ausstellungsnamen.

 

MF: 2023 dann nochmal ein Gotteshaus, die Einweihung der Weill-Synagoge in Dessau. Manfred, du hast erzählt, dass es für dich auch außerhalb von diesen prestigeträchtigen Projekten immer wieder schöne Momente gibt, wenn du nachts durch die Stadt läufst.

 

MW: Ja, es ist natürlich immer toll, wenn die Kinder in die weite Welt geschickt werden und in irgendwelchen Städten guckt man in Wohnungen rein und sieht die Leuchten hängen. Das war auch, glaube ich, eine Vorstellung, die wir hatten. Wir haben uns immer die Nasen hier an den Schaufenstern plattgedrückt, bevor wir mit der eigenen Serie gestartet sind, und haben gesagt, wir möchten gerne, dass unsere Leuchten da irgendwo im Schaufenster zu sehen sind. Das war schon so. Hier gab es ja einige namhafte Möbelläden: Leptien 3, gibt es ja immer noch. Und auf der Berliner Straße war das Behr. Da haben wir abends mit dem Auto davorgestanden und uns das angeguckt. Wir wollten, dass unser Zeug da auch hängt.

 

MF: Manchmal kriegt ihr auch Bilder von Kunden zugeschickt (zeigt Bild von einem Restaurant mit ZOOM-Kronleuchtern und dem Opera House in Sydney im Hintergrund).

 

MW: Ja, da sieht man, wenn man da aus dem Fenster guckt, wo das ungefähr ist, wenn man sich architektonisch ein bisschen auskennt. Tolles Restaurant. Gibt es leider nicht mehr. Ich war noch nicht in Australien, aber sehr schön so was.

 

JMDC: Sydney.

 

MF: Du hast auch erzählt, dass du es immer besonders schön findest, wenn eure Leuchten in Filmen auftauchen.

 

MW: Ja, das ist wirklich ein Überraschungsmoment. Man schaut irgendeinen Film abends im Fernsehen und auf einmal sieht man die Leuchten. Die sind dann im Set eingebaut. Wir wissen das ja nicht. Wir haben damit nichts zu tun.

 

JMDC: Wir haben das ja nicht bewusst forciert, oder so. Produkt Placement haben wir nicht finanziert.

 

MF: Wir kommen so langsam zum Schluss. Mit der Ausstellung im Museum Angewandte Kunst habt ihr das 40-jährige Jubiläum gefeiert. Wohin geht es mit serien in der Zukunft? Wohin steuert ihr?

 

JMDC: Wir haben keinen Plan. Wir haben definitiv keinen Plan, aber wir haben noch Begeisterung. Manfred hat extra für die Ausstellung im Museum Angewandte Kunst eine Monster-ZOOM aufgebaut im Outdoor-Bereich.

 

MW: Wir haben Floyd Paxton überredet. Wir mussten uns nicht allzu lange abstimmen mit dem Designer (lacht).

 

JMDC: Auch ich habe für die Ausstellung innerhalb von sechs Wochen eine kleine serien-Leuchte entworfen und umgesetzt, die im Emma Metzler, ein Restaurant hier in Frankfurt, zu sehen war. Das ist unsere Triebfeder. Das ist der Plan. Solange wir noch Freude, Energie und Spaß an der Arbeit haben.

 

MF: Manfred und Jean-Marc, vielen Dank für das Gespräch.