© Ramon Haindl
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Design ist nie zeitlos. Die Zeit nimmt immer Einfluss

Das Berliner Format ‚Freunde von Freunden‘ hat Designer und serien.lighting Mitgründer Manfred Wolf in seiner Wohnung in Frankfurt und am Arbeitsplatz besucht. Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen!

Lesen Sie das ganze Interview hier.

FvF:
Sie leben zentral im Frankfurter Westend. Was gefällt Ihnen daran?

Manfred Wolf:
Ich mag das urbane Lebensgefühl und dass das Westend tatsächlich wie eine richtige Stadt aussieht. Im Vergleich zu anderen Städten ist Frankfurt erstaunlich entspannt. Ich fahre hier sehr gern Auto. Es gibt weder endlose Staus wie in Paris noch riesige Entfernungen. Diese räumliche Nähe sorgt auch für spannende Kontraste: Nur wenige Gehminuten vom gepflegten und ruhigen Westend entfernt liegt das lebendige Bahnhofsviertel – ein Viertel, das für sein Nachtleben und Rotlichtmilieu bekannt ist.


FvF:
Was hat Sie dazu bewogen, Produktdesign zu studieren?

Manfred Wolf:
Meine ältere Schwester, die in Darmstadt Architektur studierte, meldete mich ohne mein Wissen zur Studienberatung an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach an. Design erschien mir damals eher oberflächlich und modisch – ich hatte mich überhaupt nicht mit dem Thema beschäftigt. Was mich dann faszinierte, war die Erkenntnis, dass für jedes Produkt, sogar für jedes Trinkglas, zunächst ein Prototyp entwickelt werden muss. Früher wurden solche Modelle von Hand gefertigt, heute übernimmt das oft ein 3D-Drucker. Meine Schwester hat mich offenbar gut eingeschätzt, obwohl sonst niemand in meiner Familie meinen Sinn für Ästhetik teilt.


FvF:
Worin unterscheiden Sie sich von Ihrer Familie?

Manfred Wolf:
Meine Schwester entwarf klassische, von der Postmoderne inspirierte Architektur. Meine Eltern hingegen bevorzugten bei ihrer Einrichtung einen rustikalen, süddeutsch geprägten Wohnstil mit viel Gemütlichkeit. Ich kann diese unterschiedlichen Auffassungen gut nachvollziehen – viele Menschen nutzen Design, um bestimmte Vorstellungen oder Lebensentwürfe auszudrücken. Das ist jedoch nicht mein Ansatz. Mir ist eine gewisse Distanz zum Design wichtig. Aber das ist lediglich meine persönliche Haltung; letztlich hat jeder seine eigene Sichtweise darauf.

 
 

FvF:
Würden Sie sagen, dass Geschmack viel mit Sozialisation zu tun hat?

Manfred Wolf:
Ja, auf jeden Fall. Die Schweiz ist beispielsweise in gestalterischer Hinsicht deutlich weiter als Deutschland. Dort haben die meisten Menschen ein viel ausgeprägteres Verständnis für Design und Gestaltung.

FvF:
Ist das Designbewusstsein in der Schweiz nicht auch eine Folge größeren finanziellen Wohlstands?

Manfred Wolf:
Nicht unbedingt. Gutes Design muss heute nicht teuer sein. Ich sehe Ikea sogar als einen Vorreiter für die Art von Produkten, die wir selbst gestalten. Studierende, die ihre Wohnung mit Ikea einrichten, entwickeln später oft ein stärkeres Bewusstsein für gute Gestaltung und Form.

FvF:
Was verstehen Sie unter gutem Design?

Manfred Wolf:
Gutes Design bedeutet nicht, einem Trend hinterherzulaufen. Trends verlieren ganz natürlich sehr schnell ihre Wirkung. In unserem Unternehmen erleben wir diesen Wandel des Geschmacks besonders deutlich. Früher gingen wir bei einer Leuchte davon aus, dass ihr Erscheinungsbild höchstens zehn Jahre aktuell bleiben würde. Eine Lampe, die wir 1994 auf den Markt gebracht hatten, nahmen wir deshalb genau zehn Jahre später – 2004 – wegen mangelnder Nachfrage wieder aus dem Sortiment.

Andere Entwürfe, etwa die Leuchte „Zoom“ mit ihrer gitterartigen Struktur, wirken dagegen selbst nach 15 Jahren noch frisch. Vielleicht liegt das daran, dass sie weniger stark „gestaltet“ erscheint. Die Reduktion auf einfache geometrische Grundformen verleiht einem Produkt oft eine größere Beständigkeit. Bestimmte Gestaltungscodes können einem heute gefallen, wirken aber schon wenige Jahre später überholt.

Viele sprechen von zeitlosem Design. Ich glaube jedoch, dass Design niemals wirklich zeitlos ist. Die Zeit hinterlässt immer ihre Spuren. Manche Objekte bezeichnen wir heute nur deshalb als Klassiker, weil sie unserem heutigen Geschmack wieder entsprechen. Wenn die Form vor allem aus der Funktion entsteht, spricht man häufig von „ehrlichem Design“, insbesondere im Zusammenhang mit dem Bauhaus. Meiner Ansicht nach wird Produktdesign jedoch oft überinterpretiert. Manchmal war die Form eines Produkts schlicht das Ergebnis der Werkzeuge und technischen Möglichkeiten, die den Gestaltern damals zur Verfügung standen.

FvF:
Warum war das erste Produkt Ihrer Serie eine Leuchte und kein Stuhl?

Manfred Wolf:
Die Maschinen im metallverarbeitenden Betrieb meines Vaters, die ich während meines Studiums nutzen konnte, eigneten sich weniger für den Bau eines Stuhls. Meine erste Arbeitsleuchte entwickelte ich aus den Materialien, die ich auf dem Werksgelände vorfand. Der Gestaltungsprozess ist manchmal auch vom Zufall geprägt.

An meiner Hochschule spielte außerdem das Entwerfen von Leuchten eine große Rolle. Das Spannende daran ist, dass man Material, Konstruktion und Statik miteinander verbinden und sich gleichzeitig mit Elektrizität und Licht auskennen muss. Eine Leuchte ist ein anspruchsvolles Produkt, das sich dennoch in kleiner Stückzahl herstellen lässt. Bei einem Auto hingegen ist ein großes Entwicklungsteam erforderlich, und produziert wird es von riesigen Konzernen.

Allerdings hat sich das Leuchtendesign durch die immer komplexere Lichttechnik stark verändert. Viele junge Designer halten ihre Entwürfe bewusst schlicht und gestalten heute vor allem Leuchten für klassische Glühbirnen.

FvF:
Ist die klassische Glühbirne nicht gerade wieder im Trend?

Manfred Wolf:
Ja, derzeit sieht man viele Leuchten mit sogenannten Kohlefadenlampen. Aus unserer Sicht sind das jedoch eher Lichtobjekte als echte Leuchten. Sie leuchten zwar, haben aber mit einer guten Lichtgestaltung nur wenig zu tun. Außerdem ist die klassische Glühbirne nicht wirklich nachhaltig – und deshalb aus heutiger Sicht eigentlich nicht mehr zeitgemäß.

FvF:
Woher kommt Ihre Leidenschaft für Oldtimer?

Manfred Wolf:
Ich tüftele einfach gern. Im Betrieb meines Vaters standen viele Maschinen, mit denen er selbst nicht umgehen konnte. Deshalb war es ihm wichtig, dass ich lerne, sie richtig zu bedienen. Zu meinem ersten Oldtimer, einem Jaguar aus dem Jahr 1962, kam ich eher zufällig. In den 1980er-Jahren entwarf ich die Einrichtung einer Arztpraxis – als Bezahlung erhielt ich das Auto.


FvF:
Wie ist Ihre Autosammlung entstanden?

Manfred Wolf:
Ich bin kein typischer Oldtimersammler. Ich verfolge kein bestimmtes Konzept – die Fahrzeuge haben sich im Laufe der Zeit einfach angesammelt. In den 1980er-Jahren fuhr ich „alte Autos“ aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Erst später wurden daraus Oldtimer.

Mit dem Plymouth habe ich in den 1980er-Jahren zum ersten Mal sämtliche Arbeiten selbst ausgeführt. Die Recherche zu Reparaturen und der Anspruch, die Fahrzeuge möglichst originalgetreu zu erhalten, bereiten mir bis heute große Freude.

FvF:
Warum haben Sie sich für einen Citroën SM entschieden?

Manfred Wolf:
Aus ganz praktischen Gründen: Beim Plymouth ist der Scheibenwischer kaputt, das Cabrio eignet sich nicht für windiges Wetter, und beim Citroën funktioniert die Heizung besonders gut. Manchmal sind fünf meiner Autos fahrbereit, manchmal keines.

Der SM ist immer mein „Sorgenkind“. Er ist zwar mein jüngstes Auto, besitzt aber eine elektronische Einspritzanlage, die immer wieder Probleme bereitet. Einfache elektrische Defekte lassen sich reparieren, aber bei der Elektronik ist man oft machtlos. Deshalb interessieren mich moderne Autos auch nicht besonders.

Seine Tochter Ella wirft ein:
„Ich weiß gar nicht, wie oft wir mit der ganzen Familie im Urlaub schon liegen geblieben sind!“

Mit solchen Autos erlebt man viele Abenteuer und lernt ständig neue Menschen kennen. Vor nicht allzu langer Zeit bin ich mit einem Freund in einem weißen Citroën DS von Kapstadt bis nach Namibia gefahren – durch Hunderte von Kilometern unberührter Landschaft. Dort fällt selbst ein einzelner Zaun am Straßenrand auf. Wir hatten zwar eine Panne, konnten unsere Reise aber schon bald fortsetzen.

FvF:
Sehnen Sie sich in unserer immer schneller werdenden Welt nach mehr Freiheit?

Manfred Wolf:
Ja, heute ist man in gewisser Weise frei – aber eben nicht vollkommen. Als Unternehmer genieße ich die relative Freiheit, selbst entscheiden zu können, wie ich meine Zeit einteile.

Mein Geschäftspartner Jean-Marc Da Costa und ich wechseln uns seit vielen Jahren im Zwei-Monats-Rhythmus als Geschäftsführer ab. Ich war überzeugt, dass ich in diesen zweimonatigen Pausen meine eigenen Projekte voranbringen würde. Tatsächlich sitzt man dann aber auch einfach einmal zwei Monate lang im Café und lässt den Tag an sich vorbeiziehen.

Gerade dadurch entsteht jedoch eine besondere geistige Freiheit.

FvF:
Sind Sie ein nostalgischer Mensch?

Manfred Wolf:
Ich habe oft das Gefühl, der modernen Technik ausgeliefert zu sein. Wenn heute etwas kaputtgeht, kann man es häufig nicht mehr reparieren, sondern nur noch wegwerfen. Ältere Autos geben mir dagegen das Gefühl, die Technik um mich herum zu verstehen und kontrollieren zu können. Ein wichtiger Teil meiner Begeisterung für ältere Technik ist dieses Gefühl der Unabhängigkeit.

FvF:
Ist die Arbeit in der Werkstatt ein Ausgleich zu Ihrem Alltag am Schreibtisch?

Manfred Wolf:
Ich habe schon immer gern an Autos gearbeitet. Ja – für mich hat das Schrauben etwas Meditatives, und zugleich ist es eine körperliche Tätigkeit, die mir Freude bereitet. Das kreative Ersetzen oder Anpassen von Autoteilen ähnelt in vieler Hinsicht der handwerklichen Arbeit, die hinter gutem Produktdesign steckt.

FvF:
Was ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn gewonnen haben?

Manfred Wolf:
Dass man Dinge tun muss, die einem wirklich am Herzen liegen. Wenn die eigene Arbeit einen selbst nicht berührt oder begeistert, wird sie mühsam – und am Ende auch nicht überzeugend sein.

Für mich geht es bei unserem Unternehmen nicht in erster Linie darum, Geld zu verdienen. Wir möchten die Leuchten entwickeln und herstellen, an die wir selbst glauben. In dieser Hinsicht kann ich Künstler gut verstehen, die sich immer tiefer in ihre Arbeit vertiefen, selbst wenn sie zunächst keine Anerkennung dafür erhalten.

Wenn man viel Liebe und Hingabe in etwas steckt, ist es natürlich besonders schön, wenn andere das wahrnehmen und wertschätzen – und vielleicht genau dieses Gefühl weitertragen. Mein Freund Ata Macias hat dafür einmal den schönen Satz geprägt: „Give Love Back“ („Gib Liebe zurück“).

Deshalb macht es mich auch jedes Mal sehr glücklich, wenn ich beispielsweise unsere „Zoom“-Leuchte an den unterschiedlichsten Orten in Frankfurt entdecke.